Wissenschaftliche Begleitung

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Schreibende Kinder in der Schule.

84 brandenburgische Grundschulen nahmen seit dem Schuljahr 2012/13 an dem dreijährigen Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“ teil. Auf ihrem Weg zur „Schule für alle“ wurden sie von einem Forscherteam der Universität Potsdam wissenschaftlich begleitet. Alle Pilotschulen haben zwar eine vergleichbare Ausstattung, arbeiten aber mit unterschiedlichen Konzepten. Untersucht wurde, unter welchen konkreten Bedingungen die „Schule für alle“ und der inklusive Unterricht gut gelingen kann. Von den gewonnenen Erkenntnissen sollen andere Schulen später profitieren. Den Pilotschulen selbst wird die eigene Arbeit regelmäßig rückgespiegelt. 

Das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) wurde beauftragt, die wissenschaftliche Begleitung der Pilotschulen zu organisieren. Dafür hat das LISUM ein namhaftes Forscherteam der Universität Potsdam gewonnen: Prof. Nadine Spörer, Professorin für Psychologische Grundschulforschung, Prof. Agi Schründer- Lenzen, Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik, Prof. Miriam Vock, Professorin für empirische Unterrichts- und Interventionsforschung, Prof. Kai Maaz, Professor für quantitative Methoden in den Bildungswissenschaften.

Den Potsdamer Wissenschaftlern ging es im Wesentlichen um die Untersuchung der Qualität der inklusiven Bildungsarbeit mit den Schülerinnen und Schülern und um die Begutachtung der Qualität der Beratung und Fortbildung der Lehrkräfte in Sachen Inklusion.

Der „Abschlussbericht zur Begleitforschung des Pilotprojekts 'Inklusive Grundschule' - Inklusives Lernen und Lehren im Land Brandenburg“ wurde im Dezember 2015 dem MBJS übergeben.

> Abschlussbericht zur Begleitforschung des Pilotprojekts „Inklusive Grundschule“
> Zusammenfassung des Abschlussberichts (Kurzfassung)

> Universität Potsdam: Erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung
> LISUM: Wissenschaftliche Begleitung des Pilotprojekts „Inklusive Grundschule“

Qualität der inklusiven Bildungsarbeit in den Schulen

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Kind übt am Rechenschieber.

Untersucht wurde, wie gut die Kinder in den Pilotschulen lernen, beispielsweise in den Fächern Deutsch (Lesen, Schreiben) und Mathematik. Auch ihre Motivation und ihr Interesse am Lernen waren für die Wissenschaftler interessant. Denn im gemeinsamen Unterricht aller – also von Kindern mit und ohne Behinderung und Kindern mit und ohne Förderbedarf – erwerben die Schülerinnen und Schüler darüber hinaus unschätzbare, soziale Kompetenzen wie gegenseitige Achtung, Hilfsbereitschaft und Einsichten wie „es ist normal, verschieden zu sein“. Davon werden die Qualität des Unterrichts, aber ebenso das Unterrichts- und Schulklima enorm beeinflusst. Auch diese Zusammenhänge waren Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung. 

Solche Untersuchungen umfassen alle Kinder einer Lerngruppe, also Kinder mit Beeinträchtigungsrisiken genauso wie Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen. Nur so können die Wissenschaftler die maßgeblichen Merkmale einer guten Qualität von Schule und Unterricht für inklusives Lernen benennen und überprüfen.

Qualität der Beratung und Fortbildung von Lehrkräften

Untersucht wurde aber auch, welche Einstellungen die Lehrkräfte zur Inklusion haben und welches Fachwissen und -können sie besitzen oder benötigen, um im gemeinsamen Unterricht ihrer Verantwortung für alle Kinder gerecht zu werden. Sind die Lehrerinnen und Lehrer mit den Beratungen und Fortbildungen zufrieden? Funktionieren die Angebote? Oder müssen Unterstützungsangebote nachgebessert werden? Und natürlich erforschten die Potsdamer Wissenschaftler ebenfalls, welche Erkenntnisse die Lehrerinnen und Lehrer aus der Fortbildung mitnehmen, sie erfragten deren Anregungen und Wünsche für Beratungs- und Unterstützungsangebote.

Dokumentation der wissenschaftlichen Begleitung

Das LISUM war mit der Dokumentation der wissenschaftlichen Begleitung betraut. In ihr wurde festgehalten, auf welche Art und Weise die Pilotschulen ihre Konzepte zur Inklusion in die Praxis umsetzen. Davon sollen schließlich andere Schulen später profitieren. Dabei geht es besonders um die Schulprogramme der Pilotschulen, die schulinternen Curricula und die Maßnahmen, Formen und Instrumente der Leistungsdiagnose und der individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler. Nur mit einer guten Dokumentation der gewonnenen Erkenntnisse kann man gute Lösungen für eine inklusive Schulentwicklung herausfinden, festhalten und anderen Schulen zur Nachahmung bereitstellen.

> PDF: Wissenschaftliche Begleitung

Artikel: In Zukunft gemeinsam

Vier Erziehungswissenschaftler der Universität Potsdam begleiten das Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“

„Sonderpädagogischer Förderbedarf“ – so heißt die Diagnose, die etwa 16.000 Kinder im Land Brandenburg betrifft. Sie besagt, dass ein Kind anders ist als seine Altersgenossen. Es lernt langsamer, kann sich sprachlich nicht so gut ausdrücken, ist in seiner körperlichen oder geistigen Entwicklung beeinträchtigt oder zeigt ein auffälliges Sozialverhalten. Die meisten dieser Kinder – etwa 60 Prozent – besuchen Förderschulen, in denen sie von Sonderpädagogen unterrichtet werden. Zukünftig soll sich dieser Anteil verringern. „Inklusion“ heißt das Stichwort. In Inklusionsschulen lernen Kinder im Rollstuhl, mit Down-Syndrom oder einer Lernschwäche gemeinsam mit Kindern ohne Handicap. Im vergangenen Sommer starteten 84 Grundschulen in ganz Brandenburg mit dem Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“. Dokumentiert und wissenschaftlich betreut wird das vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg initiierte Projekt von Wissenschaftlern der Universität Potsdam.

Wir begleiten 70 Klassen in 34 Brandenburger Schulen über zwei Schuljahre hinweg“, erklärt Nadine Spörer, Professorin für Psychologische Grundschulpädagogik und eine von insgesamt vier Professoren aus dem Department Erziehungswissenschaft, die das Pilotprojekt vom Standpunkt der Forschung aus betrachten. Sie beobachten, welche Erfahrungen die Schulen auf dem Weg zur Inklusionsschule sammeln, welche Probleme dabei auftreten, welche Entwicklungen Lehrer und Schüler durchlaufen und unter welchen Voraussetzungen Inklusion letztlich gelingen kann. Von den Erkenntnissen der Pilotschulen sollen künftig andere Schulen profitieren. 

Im Fokus der Untersuchungen stehen Schüler der zweiten und dritten Klassenstufe. Regelmäßig besuchen die Mitglieder des Forschungsteams die Schulen, schauen im Unterricht zu und befragen die Schüler. Zu den Wissenschaftlern gehören vier Doktoranden und mehrere Masterstudenten, die vor Ort Inklusion hautnah erleben und erforschen. „Wir sehen uns an, wie die Schüler in den Fächern Mathematik und Deutsch lernen, aber auch wie sie sich in ihren persönlichen und sozialen Kompetenzen entwickeln“, erklärt Nadine Spörer. Ein wesentliches Anliegen des Inklusionsgedankens sei es eben, das soziale Miteinander zu befördern, betont sie. Nicht nur der Wissens- und Entwicklungsstand der Schüler soll in regelmäßigen Abständen mit standardisierten Leistungstests erfasst und ausgewertet werden. Auch wie sich die Schüler selbst wahrnehmen, wird untersucht. „Wie ist das Klima in ihrer Klasse? Fühlen sie sich angenommen? Das sollen die Schüler mithilfe von Fragebögen selbst einschätzen“, verdeutlicht Spörer.

Vier Kinder aus jeder Klasse werden von den Forschern besonders intensiv beobachtet. Darunter jeweils ein Kind mit starken, schwachen und mittelmäßigen Leistungen und ein gehandicaptes Kind. Wie interagieren die 8- und 9-Jährigen miteinander, wie werden sie in den Unterricht eingebunden? Diese Fragen möchten die Wissenschaftler für Kinder mit verschiedenen Bedürfnissen untersuchen und herausfinden, welche Unterschiede zwischen den einzelnen Schülern bestehen. „Eine unserer zentralen Hypothesen ist, dass die Art und Weise der Interaktion Einfluss auf die Kompetenzentwicklung der Schüler hat – sowohl fachlich als auch sozial“, erklärt die Professorin.

Befragt werden natürlich auch die Lehrkräfte, die den Inklusionsgedanken in ihren Schulen aktiv umsetzen und gestalten und dabei vor vielen Herausforderungen stehen. Jeder Schule steht dabei ein Beraterteam des Landesinstituts für Schule und Medien des Landes Brandenburg zur Seite, das mit Fortbildungsangeboten unterstützt. „Dieses Angebot wird von den Lehrern als sehr positiv empfunden“, sagt Nadine Spörer. Auch die Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Sonderpädagogen begrüßten die Lehrkräfte. Gleichzeitig zeigten erste Daten jedoch auch, dass die Arbeitsbelastung enorm hoch sei.

Ziel des Pilotprojektes sei es, die Schulen auf ihrem Weg zur Inklusion zu beobachten und den Prozess zu analysieren. „Wir haben keine beratende Funktion“, betont Nadine Spörer. Als Bildungsforscherin sei das Pilotprojekt für sie ein großer Glücksfall. „Einen so langen Zeitraum wissenschaftlich zu begleiten – das ist etwas ganz Besonderes.“

Von Heike Kampe

Erschienen in der Zeitschrift Portal 3/2013 – Das Potsdamer Universitätsmagazin

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