Ausstattung

Für alle 75 Grundschulen in öffentlicher Trägerschaft, die ab dem Schuljahr 2012/13 am dreijährigen Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“ teilnahmen, galten für die Pilotphase landesweit einheitliche Rahmenbedingungen. Nach Abschluss des Pilotprojekts werden diese Schulen seit dem Schuljahr 2015/16 für zunächst zwei Jahre weiterhin mit zusätzlichen Lehrkräften ausgestattet.

Ein lachender Junge ist im Vordergrund. Eine junge Lehrerin spielt mit zwei Schülerinnen.

Zusätzliche Lehrkräfte

Für den Start des Pilotprojekts „Inklusive Grundschule“ wurden zum Schuljahresbeginn 2012/13 fast 120 zusätzliche neue Lehrkräfte im Land Brandenburg eingestellt. Damit wurde für alle Pilotschulen die gleiche zusätzliche Ausstattung gesichert: Für fünf Prozent der Gesamtschülerzahl einer Pilotschule stehen zusätzlich 3,5 Lehrerwochenstunden je Schülerin oder Schüler als Basisausstattung bereit. Einfacher ausgedrückt: An der Pilotschule XYZ lernen in den Klassen 1 bis 6 beispielsweise 280 Schülerinnen und Schüler. Fünf Prozent davon sind 14 Schülerinnen und Schüler, multipliziert mit 3,5 Lehrerwochenstunden ergibt 49 Lehrerwochenstunden. Die Beispiels- Pilotschule XYZ verfügt also ab dem Schuljahr 2012/13 über zusätzliche 49 Unterrichtsstunden.

Diese zusätzlichen Lehrerstunden werden lernprozessbegleitend für Kindern mit Auffälligkeiten im Lernen, im Verhalten oder in der Sprache zur Verfügung gestellt.
Die Schule entscheidet selbst darüber, wie oder wo sie diese zusätzlichen Stunden einsetzt, ob sie beispielsweise Klassen teilt oder zwischenzeitlich eine Sonderpädagogin als zweite Lehrkraft im Unterricht einsetzt.

Für besondere Problemlagen stehen den staatlichen Schulämtern zusätzliche Lehrerwochenstunden als Pool zur Verfügung. Sie können – nach Bedarf – an konkrete Schulen gegeben werden.

Für die Schülerinnen und Schüler mit anderen sonderpädagogischen Förderschwerpunkten werden individuell zusätzliche Stunden für den gemeinsamen Unterricht zur Verfügung gestellt. Grundlage sind gesonderte Feststellungsverfahren.

Ein grinsendes Mädchen ist im Vordergrund. Eine junge Lehrerin sitzt mit zwei Schülerinnen dahinter an einem Tisch.

Klassengröße

In der 1. Klasse einer Pilotschule lernen in der Regel 23, höchstens aber 25 Schülerinnen und Schüler. Einige wenige, schulspezifische Ausnahmefälle weichen von dieser Vorgabe ab. Die Erstklässler werden nach einem ganzheitlichen, schulinternen Unterrichtskonzept auf der Grundlage der geltenden Rahmenlehrpläne unterrichtet und für jedes Kind wird ein individueller Lernplan geführt.

Schulen in freier Trägerschaft

Grundschulen in freier Trägerschaft waren assoziierte Teilnehmer am Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“. Sie profitierten von den Fortbildungsangeboten und wurden bei der wissenschaftlichen Evaluation der Pilotschulen berücksichtigt.

Artikel: Der steinige Weg zur inklusiven Schule

Schulleiterin fordert hochwertige Fortbildungen und kleinere Klassen

Die Goethe-Grundschule in Potsdam-Babelsberg ist eine von insgesamt 35 Brandenburger Schulen, die als Pilotschulen des Projekts „Inklusive Grundschule“ von Wissenschaftlern der Universität Potsdam intensiv begleitet werden. Ein Blick in deren Klassenzimmer zeigt: Bis die „Schule für alle“ funktionieren kann, wird es wohl noch eine Weile dauern. Bei den Lehrern herrscht nicht nur Begeisterung. Es gibt auch Missverständnisse und Verärgerung. Von der wissenschaftlichen Begleitung in der Pilotphase hatten sie sich anderes erhofft. Zudem kritisieren sie die gegenwärtig vorhandenen Rahmenbedingungen für die Inklusion.

Im Klassenraum ist es noch still und ruhig an diesem Morgen. Stefanie Bosse ordnet ihre Unterlagen, zeichnet mit Kreide kleine Bilder an die Schultafel. Die Schulglocke läutet, die  ersten Kinder der Klasse 2b betreten den Raum. Auf ihren Plätzen liegen bereits die umfangreichen Testbögen, die sie in den nächsten beiden Stunden ausfüllen müssen. Klassenlehrerin Petra Junghans begrüßt die 25 Jungen und Mädchen, die sich auf ihre Plätze an den fünf Tischgruppen gesetzt haben. „Ich habe euch heute jemanden mitgebracht, den ihr schon einmal kennengelernt habt“, sagt sie zu ihren Schülern. „Frau Bosse“, ruft ein Mädchen und strahlt.

Im vergangenen Herbst hat Stefanie Bosse die Klasse 2b zum ersten Mal besucht. Auch damals hat sie Testbögen mitgebracht. In einem Jahr wird sie noch ein drittes Mal wiederkommen. Die Wissenschaftlerin gehört zu einem Forscherteam der Universität Potsdam, das Brandenburger Schulen auf dem Weg zur Inklusion begleitet. Jedes Kind der Klasse 2b wird die Fragebögen ausfüllen und damit über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren Aufschluss über seine Kenntnisse und  Fähigkeiten und deren Entwicklung geben. Am Ende werden die Daten von mehreren Tausend ausgefüllten Testbögen einen umfangreichen Überblick darüber geben, wie Kinder an den inklusiv unterrichtenden Pilotschulen lernen.

Stefanie Bosse erklärt die ersten Aufgaben. Auf den Blättern sehen die Kinder eine Spalte mit Wörtern, daneben vier Spalten mit kleinen Bildern. „Affe“ steht in der ersten Zeile. Die Kinder sollen kennzeichnen, welches der Bilder auf das Wort zutrifft. In fünf Minuten sollen sie so viele Wörter wie möglich erkennen. Einige Kinder arbeiten rasch und konzentriert, streichen das richtige Bild an und gehen sofort zum nächsten Wort über. Andere überlegen länger. Ein Mädchen schaut zu seinem Nachbarn herüber, sorgfältig und langsam streicht es die Bilder auf seinem Blatt an. Wörter lesen, rechnen, schreiben, Texte verstehen – die Ergebnisse der Tests werden zeigen, wie unterschiedlich die fachlichen Fertigkeiten der 25 Kinder sind.

Auch die sozialen Kompetenzen der Schüler sind verschieden: „Wir haben Kinder mit Lernschwierigkeiten und emotional-sozialen Entwicklungsstörungen“, erklärt Anja Thomaschewski. Die Leiterin der Goethe-Grundschule ist ehrlich: „Oh nein!“ – das sei ihre erste Reaktion auf die Nachricht gewesen, dass die Goethe-Grundschule auf ihrem Weg zur Inklusionsschule wissenschaftlich begleitet werden soll. Die Arbeitsbelastung sei bereits jetzt sehr hoch. Zusätzliche Projekte seien eben mit einem noch höheren Aufwand verbunden, macht sie klar. „Zu Beginn wurde die wissenschaftliche Begleitung als wissenschaftliche Unterstützung missverstanden“, erzählt Anja Thomaschewski. Die Lehrer hätten erwartet, vonseiten der Wissenschaft Ratschläge und Hilfe zu erhalten. Das Forscherteam möchte dagegen Daten erheben und wissenschaftlich auswerten, ohne in den Unterricht einzugreifen. Hilfestellungen für die Praxis werden sich erst später aus den Ergebnissen ableiten lassen.

„Eigentlich bräuchten wir mehr Hilfe von außen“, sagt Anja Thomaschewski. Der Goethe-Schule stehen zwar zusätzliche Lehrerstunden zur Verfügung, die gewährleisten sollen, dass die Bedürfnisse aller Schüler abgedeckt werden und im Bedarfsfall zwei Lehrer in einer Klasse unterrichten können. Im Krankheitsfall verpuffen diese Stunden jedoch schnell. „Es ist einfach zu wenig“, so Thomaschewski.

Qualitativ hochwertige Fortbildungen für das gesamte Kollegium und kleinere Klassengrößen seien notwendig, um Inklusion so zu verwirklichen, dass die Lehrkräfte den neuen Anforderungen gewachsen seien. Die Unzufriedenheit sei momentan recht hoch, dennoch seien die Lehrkräfte sehr motiviert, Unterricht neu zu gestalten, betont Thomaschewski. „Wir wollen jedem Kind mit dem Potenzial, das es hat, gerecht werden. Aber die Bedingungen müssen stimmen.“

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