Europäische Nachbarn

Unseren europäischen Nachbarn hinkt Deutschland weit hinterher. Skandinavische Länder haben vor rund 30 Jahren ihr Bildungssystem auf die „Schule für alle“ umgestellt. Italien gilt weltweit als Vorreiter: Alle Förderschulen und Sonderklassen wurde ohne Ausnahme abgeschafft. Alle Schülerinnen und Schüler werden bis zur 8. Klasse gemeinsam beschult.

Italien: Vorbild für Inklusion

Italien gilt weltweit als Vorbild in Sachen schulische Inklusion. Vor mehr als 30 Jahren hat Italien alle Förderschulen und Sonderklassen abgeschafft, ohne Ausnahme. Seitdem muss jede Schule jedes Kind aufnehmen, egal, unter welcher Beeinträchtigung es leidet. 

Die Basis dieser Erfolgsstory
Differenzierte strukturelle Voraussetzungen und eine inklusionsbejahende Haltung sowie eine Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen in allen Bildungseinrichtungen, die individuell am einzelnen Kind ausgerichtet ist – vom Kindergarten an bis zum Ende der Sekundarstufe und darüber hinaus sind die erfolgreiche Basis. In Italien werden alle Schülerinnen und Schüler bis zum 14. Lebensjahr (8. Klasse) in den gleichen Bildungseinrichtungen gemeinsam beschult. Nach dem 14. Lebensjahr können sie die unterschiedlichen Oberschulen wählen. 

Das Kind steht im Mittelpunkt
Im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen die individuellen Ressourcen, Probleme und Bedürfnisse der Kinder, Schülerinnen und Schüler und die Wechselwirkung mit dem Umfeld. Alle geplanten Schritte werden aufeinanderabgestimmt, um eine möglichst optimale Betreuung zu gewährleisten. Alle diagnostischen und formal-pädagogischen Instrumente, die dem Bildungsrecht zugrunde liegen, sind gesetzlich vorgegeben. In Zusammenarbeit mit den Betroffenen selbst – je nach Alter entsprechend – den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten, dem Kindergartenteam, dem gesamten Klassenrat, den Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen sowie den Fachkräften wird für jedes Kind, jede Schülerin und jeden Schüler ein individueller Handlungsplan erstellt. 

Nahtlose Übergänge
Beim Übertritt vom Kindergarten in die Grundschule und von einer Schulstufe in die
nächste wird für jedes Kind, jede Schülerin und jeden Schüler ein funktionelles Entwicklungsprofil erstellt. Es wird in der Grundschule fortlaufend aktualisiert und den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten ausgehändigt. Sie sorgen für die Weitergabe des Entwicklungsprofils an die nächste Bildungseinrichtung. Kerninhalte des Profils sind differenzierte Lernwege, differenzierte Bewertungen und differenzierte Prüfungen.

Zusätzliche Ressourcen
Kindergärten und Schulen können zur Unterstützung der Inklusion zusätzliche Personalressourcen bekommen. Nach einem festgelegten Schlüssel stehen ebenfalls finanzielle Mittel zum Ankauf von speziellen Lehr- und Hilfsmitteln zur Verfügung. Ein gut organisiertes und ineinandergreifendes Unterstützungssystem stärkt des Weiteren allen am Inklusionsprozess beteiligten Pädagogen und Pädagoginnen den Rücken. 

Barrierefreie Bauten
Die Schulträger, die Kommunen und das Land sind zuständig für den Abbau von architektonischen Barrieren in den gemeinde- und landeseigenen Gebäuden sowie im außerschulischen Bereich, beispielsweise in kulturellen, sportlichen und erzieherischen Einrichtungen sowie in Freizeiteinrichtungen, um auch dort die Inklusion zu gewährleisten.

Schweden: Unserer Entwicklung weit voraus

Die „Schule für alle“ wird bereits seit knapp 30 Jahren praktiziert. Die schwedische „Schule für alle“ stellt für alle Schülerinnen und Schüler ein größtmögliches Maß an Teilhabe, Inklusion und Integration sicher. Allen Kindern wird per Gesetz eine „physisch, pädagogisch und psychosozial barrierefreie Schule“ garantiert. Die Realität wird stetig überprüft, um die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu schließen.

Schülerinnen und Schüler mit besonderen Unterstützungsbedürfnissen
Die gibt es natürlich auch in Schweden. Sie lernen in binnendifferenzierenden Unterrichtsformen, mit individuell zugeschnittenen Lernportfolios und vielfältigen Unterrichtsmaterialien, es gibt zudem unterstützende Mitarbeitergruppen. Der Grundstein zu dieser Entwicklung einer „Schule für alle“ wurde während der schwedischen Schulreformen in den 1960er- und 1970er- Jahren gelegt.

Die Idee
Alle Schülerinnen und Schüler werden in eine Schule vor Ort integriert und dort gefördert. Die Integration bezieht sich nicht nur auf den schulischen Bereich. Sie ist das politische Ziel einer Gleichstellung und Normalisierung aller in der schwedischen Gesellschaft. Jeglicher Art von Diskriminierung und Aussonderung von Menschen mit Behinderung soll so vorgebeugt werden.

„Nyhemskola“ in Ängelholm
Schauen wir auf die „Nyhemskola“ – eine Grund- und Sekundarschule in der südschwedischen Kleinstadt Ängelholm. Hier haben die Lehrerinnen und Lehrer folgende Grundsätze formuliert: Viele Kinder in der Grundschule benötigen irgendwann in ihrer Schulzeit eine Unterstützung, eine Hilfe im Bereich des Lernstoffs oder beim Erreichen der Ziele oder manchmal eine andere Form der Unterstützung. Die Erfahrung zeigt, dass diese Unterstützung manchmal von kurzer, manchmal von längerer Dauer sein kann. Im schwedischen Schulgesetz ist ausdrücklich festgehalten, dass der Unterricht an die Voraussetzungen und den Bedarf einer jeden Schülerin und eines jeden Schülers angepasst werden muss.

Zusätzliche Förderklassen, Sonder- und Trainingsschulen
Zusätzlich gibt es Förderklassen, in denen die Schülerinnen und Schüler in besonders kleinen Gruppen mit einem stark individualisierten Lehrplan gefördert werden. Dies gilt ebenso für die sogenannte Särskola (Sonderschule). Sie nehmen Kinder mit leichteren Entwicklungsstörungen, Autismus oder ähnlichen Beeinträchtigungen auf, sowie Schülerinnen und Schüler mit körperlichen Beeinträchtigungen oder mit Folgen cerebraler Dysfunktionen. Das sind geringfügige Funktionsstörungen des Gehirns, die Bewegungsstörungen, auffällige Konzentrationsstörungen oder Teilleistungsschwächen hervorrufen können wie beispielsweise eine Verzögerung der Sprachentwicklung. Kinder und Jugendliche mit schwereren und mehrfachen Behinderungen besuchen die sogenannte Trainingsschule.

Alle auf gemeinsamen Campus
Alle oben aufgeführten Förderklassen teilen sich für gewöhnlich ein Gebäude und ermöglichen somit ihren Schülerinnen und Schülern für bestimmte Stunden eine andere Klasse der Regelschule bzw. die Förderklasse zu besuchen oder gar einen vollständigen Wechsel der Schulform innerhalb einer Schule vorzunehmen.

Entwicklungsgespräche, individuelle Förderpläne und persönliche Sozialassistenten
Für jede Schülerin und jeden Schüler gibt es regelmäßige Entwicklungsgespräche, an denen sie gemeinsam mit ihren Eltern und der Lehrkraft teilnehmen. Gemeinsam wird dort ein Handlungsplan oder auch ein individueller Förderplan aufgestellt. Zudem legen alle gemeinsam Methoden fest, wie die individuellen Ziele erreicht werden können. Ein persönlicher Sozialassistent bietet auch den Schülerinnen und Schülern mit erhöhtem Pflege- und Förderbedarf die Möglichkeit, ihren Schulalltag zu meistern.

Norwegen: Gleiches Recht auf Bildung ist Ziel

... für alle Mitglieder der Gesellschaft. Es ist die Aufgabe der Schulen, sowohl Wissen und Kultur zu vermitteln als auch die soziale Mobilität zu fördern und so eine Grundlage für die Bildung von Wohlstand sowie zur Fürsorge für alle zu schaffen. Ein klarer gesellschaftlicher Konsens sieht vor, dass es für alle Schülerinnen und Schüler nur eine gemeinsame Schule gibt, in der sie mindestens bis zum 10. Schuljahr zusammen lernen und leben. Anschließend kann die freiwillige, obere Sekundarstufe absolviert werden.

Inklusion und gleichwertige Teilhabe
... aller Schülerinnen und Schüler gelten den Kommunen ausdrücklich als Gradmesser für die Qualität des kommunalen Schulangebots. Die Kommunen sind für die ersten zehn Schuljahre zuständig. Lediglich Menschen mit Gehörlosigkeit haben das Recht, in eigenen Einrichtungen gefördert zu werden. Das hat zur Folge, dass landesweit nur knapp ein halbes Prozent aller Schülerinnen und Schüler eine Sonderschule besucht. Der Förderbedarf ist indes größer: Zwischen 5 und 20 Prozent der norwegischen Schülerinnen und Schüler benötigen zusätzliche Förderung. Diese individuelle Förderung erfolgt im sogenannten „angepassten Unterricht“ vor Ort. Die staatlichen Sonderschulen wurden bereits 1992 aufgelöst – das Personal arbeitet seitdem landesweit an den (Regel-) Schulen oder unterstützend in regional tätigen Kompetenzzentren, wenn besondere therapeutische Angebote notwendig sind.

Lehrerkooperation in Teams
Von den Lehrerinnen und Lehrern wird erwartet, dass sie die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Schülerinnen und Schüler berücksichtigen, und zwar bereits wenn sie ihren Unterricht planen. Das bedeutet auch jede Menge Lehrerkooperation in Teams. Mitunter arbeiten bis zu drei Lehrerinnen und Lehrer in einer Klasse. Nur so lässt sich der Anspruch verwirklichen, dass selbst Kinder und Jugendliche mit Lernproblemen und mit Behinderungen innerhalb des Klassenverbandes bleiben oder wenigstens – je nach ihrer Behinderung – teilweise integriert werden. So haben in der norwegischen Gemeinschaftsschule ganz selbstverständlich auch Schülerinnen und Schüler mit den schwersten Behinderungen ihren Platz. 

Inklusive Unterrichtspraxis
Die Schulleiterin an der Risumer Gesamtschule in Halden, Marianne Stokke, hat die Umstellung zum inklusiven Unterrichte miterlebt: „Ich musste meine Unterrichtspraxis erheblich umstellen. Ich musste mir klarmachen, dass ich ganz heterogene Gruppen vor mir habe mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten. Man muss Pläne für alle machen: für die Intelligenten und Schnellen, die Herausforderungen brauchen, und für die langsam Lernenden, die vielleicht nur die Hälfte der Übungen bewältigen können. Ein Lehrer, der nur Frontalunterricht macht und dann die Kinder mit ihren Hausaufgaben am Abend alleinlässt, das ist ein hoffnungsloser Fall.“ Die Schulleiterin wurde mit der Umstellung zur Inklusion nicht allein gelassen. Sogenannte „Kompetenzzentren“ unterstützen noch heute die Lehrerinnen und Lehrer. Außerdem haben sie weit mehr Lehrerinnen und Lehrer pro Klasse als wir hier in Deutschland.

Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler
Die UNESCO zählt Norwegen zu den Ländern, die für das Wohlbefinden aller Kinder und Jugendlichen einen hohen Standard in den Schulen erreicht haben. Das Credo an der Risumer Gesamtschule ist auch an anderen norwegischen Schulen einheitlich: Lernen kann nur dort stattfinden, wo Kinder und Jugendliche keine Angst oder Sorgen haben. Dazu müssen sich alle Beteiligten um die sozialen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler kümmern, mit den Eltern kooperieren sowie die Schülerinnen und Schüler in ihren Lebenszusammenhängen sehen. Es geht um eine ganzheitliche Perspektive.

Italien und Kanada: Abgucken erlaubt


Deutschland könnte von den Erfahrungen Kanadas und Italiens beim Umbau seines Bildungssystems profitieren

Deutschland hat in der Vergangenheit heftige Kritik für die Trennung von Regel- und Förderschule einstecken müssen. Seither treibt das Land die Entwicklung hin zu einem inklusiven Bildungswesen voran – und orientiert sich dabei an internationalen Vorbildern. Der Blick in Länder, die auf eine vergleichsweise lange Tradition der Inklusion verfügen, macht die Vielfalt der Ausgestaltungsmöglichkeiten deutlich.

Das aktuelle duale deutsche Bildungssystem setzt auf ein Nebeneinander verschiedener Formen der Regelschule sowie Förderschulen für Kinder und Jugendliche mit erheblichen Handicaps. In Letzteren lernen geistig oder körperlich behinderte, lernschwache oder schwer erziehbare Schüler. Unterrichtet werden sie von speziell ausgebildetem Lehrpersonal. Genau diese Differenzierung und die damit verbundene Ausgrenzung aus einem vermeintlich „normalen“ Schulumfeld ist es, die Befürworter der Inklusion nicht mehr hinnehmen wollen. Sie setzen auf eine gemeinsame Schule für alle: egal ob mit oder ohne Handicap und unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer und sozialer Herkunft – eine Schule also, die auf das Leben, den realen Alltag vorbereitet, mit all seinen Facetten.

Gerade, was die Integration von Schülern mit Handicap betrifft, stehen noch immer viele Fragen im Raum: Wie kann ein Lehrer jedem Kind in seiner Klasse gerecht werden, wenn er 30 und mehr Schüler unterrichten muss? Was passiert mit denjenigen Kindern und Jugendlichen, die sich in einer Einrichtung mit speziell qualifiziertem Betreuungspersonal durchaus sehr wohl fühlen und nun Nachteile bei der Beschulung in einer Regelklasse befürchten? Wie werden langsam lernende Schüler mit der Situation umgehen, in einer gemischten Klasse immer „der Letzte“ zu sein? Wird man – im Gegenzug – engagierten Schülern gerecht, wenn sie durch stark verhaltensauffällige Schüler ausgebremst werden? 

Fest steht, wenn hierzulande die Ziele der Inklusionspädagogik konsequent umgesetzt werden sollen, steht das deutsche Bildungssystem vor gewaltigen Umbaumaßnahmen. Einige Länder könnten dabei zur Orientierung dienen, etwa Kanada, das als „Mutterland“ der Inklusionspädagogik gilt, sowie Italien, wo Inklusion bereits seit längerer Zeit zum Schulalltag gehört.

Kanada

Es gibt ausschließlich Ganztagsschulen. Die Schüler lernen bis zur neunten Klasse gemeinsam.
In den Provinzen wird Inklusion unterschiedlich umgesetzt. Circa 40 Prozent der Schüler mit Handicap besuchen Sonderklassen beziehungsweise -schulen.
Typisch ist ein gutes Unterstützungssystem. So arbeiten beispielsweise in der Provinz New Brunswick in allen Schulen „Method- and Resource-Teacher“. Sie erstellen zusammen mit den Regellehrern einen speziellen Bildungsplan für diejenigen Schüler,  bei denen besondere Auffälligkeiten bestehen – das können Defizite, aber auch Hochbegabungen sein. Ihnen stehen Assistenzlehrer zur Seite.
Im Schulbezirk New Brunswicks gibt es ein komplettes Beratungsnetzwerk. Die Beispielregion verfügt über ein überregionales Kompetenzzentrum für Sinnesbeeinträchtigte. Es wird überwiegend auf Förderschulen beziehungsweise Sonderklassen verzichtet.

Italien

1977 wurden die Sonderklassen aufgelöst. Seither gehen alle Kinder in Regelschulen.- Der Bildungsweg beginnt im Kindergarten.
Bis zum 14. Lebensjahr lernen die Kinder zusammen. Danach können Eltern und Kinder über den nächsten Schultyp entscheiden.
Für Schüler mit Beeinträchtigungen oder besonderen Bedürfnissen gibt es viele Förderformen: individuelle Erziehungspläne, funktionelle Entwicklungsprofile beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule bzw. von einer Schulstufe in die folgende, zusätzliche finanzielle Mittel für besondere Lehrmaterialien, diverse  Beratungsstellen (etwa einen Psychologischen Dienst oder Fachstellen für Behinderung). An den Schulen arbeiten Integrationspädagogen (mit Kenntnissen im Pflegebereich) und Sozialpädagogen. Außerdem werden die im jeweiligen Einzugsgebiet vorhandenen außerschulischen Einrichtungen in die Arbeit einbezogen. 

Von Dr. Silja Haller

Erschienen in der Zeitschrift  Portal 3/2013 – Das Potsdamer Universitätsmagazin

 Seite druckennach oben