Studium

Lehramtsstudierende lernen bereits während ihres Studiums inklusionspädagogische Inhalte. Seit dem Studienjahr 2013/14 sind sie Pflichtbestandteil der Ausbildung für alle künftigen Lehrerinnen und Lehrer. In Ausbildung der Lehrkräfte für die Primarstufe gibt es zudem die Möglichkeit, Inklusion als Studienschwerpunkt zu wählen. So sieht es das Lehrerbildungsgesetz vor.

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Kinder malen im Unterricht.

Für die Arbeit in einer inklusiven Schule braucht es, neben einer entsprechenden Haltung und sich darauf aufbauenden Beziehungen, auch gutes Handwerk: Wenn die Lehrerinnen und Lehrer künftig jedes Kind bestmöglich individuell fördern sollen, müssen sie zuvor dessen Stärken und Schwächen und den individuellen Förderbedarf genau einschätzen können – sie benötigen also diagnostische Kompetenzen in verschiedenen förderpädagogischen Handlungsfeldern, beispielsweise für sprach- und verhaltensauffällige Kinder oder solche mit Lernstörungen, Kinder mit sinnes- oder körperlichen Beeinträchtigungen, aber auch für alle anderen Kinder.

Die Lehrkräfte müssen also wissen, wie binnendifferenzierter Unterricht funktioniert. In der engen Zusammenarbeit mit Sonderpädagoginnen und -pädagogen oder Einzelfallhelferinnen und -helfern werden neue Unterrichtskonzepte entstehen müssen. In einer inklusiven Schule profitieren alle Kinder vom gemeinsamen Unterricht.

Artikel: Eine Schule für alle Kinder

Wie Fragen der Gesellschaft zu Fragen der Wissenschaft werden

Mit der Unterzeichnung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat sich Deutschland zu einem inklusiven Bildungssystem bekannt, einer Schule ohne Ausgrenzung, die allen Kindern, unabhängig von ihren Voraussetzungen und ihrer Lebenslage, gleiche Bildungschancen eröffnet. Im vergangenen Jahr nun startete in Brandenburg das Pilotprojekt zur „Inklusiven Grundschule“, wissenschaftlich begleitet von der Universität Potsdam. Über die damit verbundenen Herausforderungen für die Bildungsforschung und die Lehrerbildung gibt die Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik und  -didaktik, Dr. Agi Schründer-Lenzen, Auskunft.

Behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten ist in Brandenburg nicht völlig neu. Das Bildungsministerium und viele Schulen engagierten sich schon seit den 1990er Jahren für die Integration. Was hat sich seither verändert? Was ist anders am Konzept der inklusiven Schule?

Die bisherigen Integrationsprojekte beruhten auf einer kindbezogenen Ressourcenzuweisung  und dem Engagement der Schulen und Lehrkräfte, die einen „gemeinsamen Unterricht“  als wichtig erachteten. Mit Integration  richtete sich die Aufmerksamkeit auf das „behinderte“ Kind, das in die Klasse integriert und im Unterricht besonders gefördert werden sollte. Bei  Inklusion hingegen gibt es keine Kinder „mit Sonderstatus“.  Jedes Kind ist mit seinen speziellen  Fähigkeiten und Begabungen, aber auch mit seinen Lernschwierigkeiten individuell zu fördern. Die Heterogenität einer Klasse wird als ein kooperatives Miteinander gesehen. Das stellt unser eher separierendes und selektierendes Bildungssystem vor völlig neue Herausforderungen. Es muss eine „Kultur des Behaltens“ entwickeln.  

Inwiefern?

Bislang konnten Kinder, die „irgendwie anders sind “, in Sonderschulen abgeschoben werden. Es geht aber darum, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Verschiedenheit zu erkennen und entsprechend differenziert zu unterrichten – nach individuellem Lernplan. Kinder mit besonderem Förderbedarf können auf diese Weise in der Regelschule spezifische Angebote erhalten und dennoch gemeinsam mit und von den anderen lernen. Wichtig ist, dass sie sich angenommen und eingebunden fühlen.                   

Wie können die Bildungswissenschaften diesen Prozess befördern?

Unser Auftrag ist es zu untersuchen, unter welchen Bedingungen inklusiver Unterricht besonders gut gelingen kann. Welche Art der Gestaltung von Lernsituationen, welche Lernaufgaben erweisen sich als günstig? Und zwar für alle Kinder. Unser Fokus richtet sich auf die Heterogenität der Klassen, in denen es eben nicht nur Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten oder Verhaltensproblemen gibt. Hochbegabungen, sprachliche und kulturelle Besonderheiten von Migranten, Genderaspekte und Fragen der Bildungsgerechtigkeit sind genauso stark zu beachten. Erste Ergebnisse werden die Studien bringen, mit denen wir für das brandenburgische Bildungsministerium das Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“ begleiten.  

Bundesweit wird jetzt die Forschung auf diesem Gebiet intensiviert. Wie positioniert sich hier die Universität Potsdam?

Mit insgesamt fünf neuen Professuren zur Inklusionspädagogik sind wir im Bundesvergleich  sehr gut aufgestellt. Während sich andere Universitäten von der Sonder- auf die Inklusionspädagogik umstellen müssen, haben wir die Chance, etwas wirklich Neues aufzubauen. Es ist tatsächlich so, dass die Universität Potsdam mit der Inklusionspädagogik in den empirischen Bildungswissenschaften einen neuen Forschungsschwerpunkt setzen kann. In Verbindung mit den etablierten erziehungswissenschaftlichen, kognitionswissenschaftlichen und  sprachwissenschaftlichen Forschungsclustern herrschen hierfür gute Bedingungen. Interessante Querverbindungen sehe ich auch zur Sportmedizin, den Erfahrungen im Behindertensport und der Rehabilitation.  Sport, Musik und Kunst bieten gute therapeutische Konzepte, die wir in die inklusionspädagogische Lehramtsausbildung integrieren können. 

Sie haben das Konzept für den neuen Lehramtsstudiengang Primarstufe mit dem Schwerpunkt Inklusionspädagogik entwickelt, der zum Semester 2013/14 starten wird. Was verändert sich?

Mit dieser Ausbildung wird ein völlig neuer Typus von Lehrkräften entstehen: Grundschulpädagogen, die in den Kernfächern Deutsch und Mathematik unterrichten und zudem über fundierte Kenntnisse in den  Förderschwerpunkten „Sprache“, „Lernen“ und „sozial-emotionale Entwicklung“ verfügen. Sie werden in der Lage sein, den Förderbedarf der Kinder zu diagnostizieren, individuelle Lernpläne zu entwickeln und den Erwerb der schriftsprachlichen und mathematischen Basiskompetenzen professionell zu unterstützen. Sie werden aber auch wissen, wann und wo die eigenen Grenzen erreicht sind und therapeutische Hilfe hinzugezogen werden muss. Die inklusive Schule braucht eine neue,  inklusionspädagogische Expertise. Nur so lässt sich das System schrittweise verändern. 

Wie erleben Sie in diesem Reformprozess das Zusammenwirken von Wissenschaft und Politik?

Angesicht des Mangels an Sonderpädagogen im Land Brandenburg hatten wir länger schon vorgeschlagen, die Lehrerbildung zu verändern. Nach der UN-Konvention und dem Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Inklusion als Zielperspektive von Schul- und Unterrichtsentwicklung bekam die Sache neuen Schub. Die Universität Potsdam trat in einen intensiven Austausch mit dem Bildungsministerium. Ich selbst arbeite auch im wissenschaftlichen Beirat mit, den die Ministerin, Frau Dr. Münch, einberufen hat, um die Entwicklung und Umsetzung der inklusiven Bildung in Brandenburg  beratend zu begleiten. Dabei geht es nicht nur um die Veränderungen des Schulsystems, sondern auch um die vielen außerschulischen Unterstützungssysteme. Nicht zuletzt mussten neue gesetzliche Rahmenbedingungen für die Lehrerbildung geschaffen werden. 

Die Universität hat inzwischen neue Studienordnungen für alle Lehramtsstudiengänge entwickelt…

Seit dem 1. Juni sind sie online, sodass sich Studieninteressierte für das kommende Wintersemester  bewerben können. Die Universität Potsdam kann mit dem Ausbau inklusionspädagogischer Studienanteile bereits jetzt curriculare Angebote machen, die bildungspolitisch auf breiter Ebene gefordert werden. So ist in diesem Frühjahr von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern in der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“, parallel aber auch vom  Wissenschaftsrat und der Hochschulrektorenkonferenz der Umgang mit Inklusion und Heterogenität als ein wichtiger Aspekt der Qualifizierung von Lehramtsstudierenden  benannt worden. Eine nachhaltige Verbesserung der Lehrerbildung soll aber nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell an den Hochschulen geleistet werden und zwar durch die Einrichtung einer „School of Education“. In der  Kooperation von Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften soll insbesondere auch die Forschungsorientierung innerhalb der Lehrerbildung ausgebaut und gestärkt werden.  

Prof. Dr. Agi Schründer-Lenzen legte zunächst das 1. und 2. Staatsexamen für das Lehramt an Realschulen ab, promovierte dann an der Universität Hamburg und habilitierte sich im Fach Erziehungswissenschaft an der technischen Universität Berlin. Seit 2004 ist sie Professorin für allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Potsdam. Ein Arbeitsschwerpunkt liegt in der empirischen Analyse des Umgangs mit sprachlich-kultureller Heterogenität in Schule und Unterricht.

Prof. Dr. Agi Schründer-Lenzen ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat "Inklusive Bildung, der das Bildungsministerum bei der konkreten Umsetzung von Plänen für eine "Schule für alle" im Land Brandenburg berät.uszameit@uni-potsdam.de

Erschienen in der Zeitschrift  Portal 3/2013 – Das Potsdamer Universitätsmagazin

Artikel: Neue Lehrer für das Land

Vor dem Hintergrund der 2015/16 startenden inklusiven Schule in Brandenburg hat die Universität Potsdam ihre Lehramtsausbildung verändert

Am 1. Juni 2013 trat in Brandenburg das neue Lehrerbildungsgesetz in Kraft. Was konkret wird sich ändern, was bleibt? Wie wird die Inklusionspädagogik in die Ausbildung eingebunden? Und welche Auswirkungen hat die Reform auf die aktuell im Lehramt Studierenden oder auf die Lehrer, die bereits im Berufsleben stehen? Eine Übersicht.

Neu sind sie wirklich, die Bachelor- und Masterstudiengänge für das Lehramt Primarstufe und für die Sekundarstufen. Sie sind nicht nur eine Modifikation der jetzigen Ausbildung. Zum Wintersemester 2013/14 erfolgt erstmals die Immatrikulation für das 1. Fachsemester des Bachelorstudiums. Zum Wintersemester 2016/17 soll dann erstmals die Aufnahme in das lehramtsbezogene Masterstudium stattfinden.

Ein Kernpunkt der Reform des Studiums ist die Neustrukturierung der Lehrämter. Angeboten wird künftig zum einen das Lehramt Primarstufe mit den Profilen „Grundschulbildung“ und „Inklusionspädagogik“ (Klassen 1 – 6). Zum anderen gibt es das Lehramt Sekundarstufe mit einem gemeinsamen Bachelorstudiengang für die Sekundarstufen I und II und einer anschließenden Profilbildung in der Masterphase (Klassen 7 – 12).

Für alle Lehramtsstudierenden der Universität Potsdam beträgt die Regelstudienzeit künftig zehn Semester. In dieser Zeit müssen sie 300 Leistungspunkte (LP) erwerben, bisher waren es für die Primarstufe und Sekundarstufe I nur 270. Dabei sind sechs Semester (180 LP) für den Bachelor vorgesehen und vier für den Master (120 LP).
Einheitlich für alle Lehrämter der Sekundarstufe I und II ist das Studium von mindestens zwei Fächern und ihrer Didaktik sowie den Bildungswissenschaften mit integrierten inklusionspädagogischen Studienanteilen. Die jeweils gewählten Fächer werden in gleichem Umfang studiert. Im Bereich Primarstufe kommt ergänzend die Grundschulbildung mit Vorbereitung auf den Schulanfang in allen Fächern hinzu. Und schulpraktische Studien begleiten das gesamte Studium, wobei im Master ein Praxissemester stattfindet.

Neuland betritt die Universität mit dem erstmals angebotenen Studiengang Primarstufe mit dem Schwerpunkt Inklusionspädagogik. Damit wird die Voraussetzung geschaffen, die Forderung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung nach einem inklusiven Bildungssystem in Deutschland umsetzen zu können. Künftige Grundschullehrer werden in diesem Studiengang befähigt, individuelle Förderbedarfe von Schülern zu diagnostizieren und entsprechende Fördermaßnahmen im gemeinsamen Unterricht umzusetzen. Das Studium sieht daher auch die Qualifikation für den Unterricht in den Kernfächern der Grundschule, Deutsch und Mathematik, vor. Die inklusionspädagogische Ausbildung bezieht sich auf die Förderschwerpunkte Lernen, Sprache und emotional-soziale Entwicklung. Dazu werden an der Humanwissenschaftlichen Fakultät derzeit fünf neue Professuren eingerichtet.

Ein inklusionspädagogischer Anteil ist künftig auch für die anderen Lehrämter Pflicht. Sie erhalten die allgemeinen Grundlagen für den kompetenten Umgang mit Heterogenität im Rahmen der bildungswissenschaftlichen Ausbildung. Inklusionspädagogische Inhalte sollen auch Eingang in die Fachdidaktiken finden. Es besteht dringender Bedarf, auch den jetzt Studierenden die erforderlichen Kompetenzen für die Arbeit in einer inklusiven Schule zu vermitteln. Seitens der Universität Potsdam gibt es konkrete Vorstellungen, zusätzliche Module anzubieten. Man ist im Gespräch mit dem Bildungsministerium.

Auch was den Erwerb grundlegender inklusionspädagogischer Kompetenzen der jetzt in den Schulen tätigen Pädagogen angeht, gibt es Pläne für eine professionelle Fortbildung. Aktuell werden die Lehrkräfte der am Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“ beteiligten Schulen fortgebildet und zwar mit einem vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg  (LISUM) erarbeiteten Curriculum. Unter Einbeziehung der Erfahrungen aus dem Pilotprojekt soll anschließend eine entsprechende Qualifizierung für alle Lehrkräfte an Grund- und Oberschulen erfolgen. Auch wenn sich ab dem kommenden Wintersemester vieles ändern wird und noch einige „Stolpersteine“ zu bewältigen sind, das Ziel ist klar: Es gilt, engagierte Pädagogen fit zu machen für eine „Schule für alle“.

Ulrike Szameitat

Erschienen in der Zeitschrift  Portal 3/2013 – Das Potsdamer Universitätsmagazin

Artikel: Auf neuem Kurs

Das Zentrum für Lehrerbildung im Reformprozess

Unter dem Motto „Brandenburger Signale – Universität Potsdam auf neuem Lehramts-Kurs“ standen die diesjährigen Tage der Lehrerbildung ganz im Zeichen der Einführung neuer Studiengänge, die auf die inklusive Schule ausgerichtet sind. Zu den damit verbundenen Veränderungen befragte Antje Horn-Conrad die Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung, Dr. Roswitha Lohwaßer.

Welches sind die „Brandenburger Signale“, die die Tage der Lehrerbildung aussandten?

Mit dem Aufbau einer inklusiven Schullandschaft steht für die Universität Potsdam die Herausforderung, für diese Schulen gute Lehrer auszubilden. Mit der Einrichtung der neuen Studiengänge hat die Universität signalisiert, den Entwicklungsanspruch in Forschung und Lehre in der Lehrerbildung anzunehmen. Der Studiengang für das Lehramt für die Primarstufe mit Schwerpunkt Inklusionspädagogik bringt Potsdam in eine Vorreiterposition, die auch von den anderen Bundesländern beobachtet wird.

Was hat sich bislang schon verändert?

Mit rasender Geschwindigkeit wurden in den vergangenen beiden Jahren alle Lehramtsstudienordnungen für 26 Fächer, für die Bildungswissenschaften und für die schulpraktischen Studien neu erarbeitet und auf die Schulstufenspezifik sowie auf die Standards der Hochschulrektorenkonferenz ausgerichtet. Eine völlig neue Studienordnung entstand für den Studiengang für das Lehramt für die Primarstufe mit Schwerpunkt Inklusionspädagogik. Der Masterabschluss eröffnet den Zugang in den Vorbereitungsdienst für die Primarstufe nicht nur in Brandenburg. Neu ist ebenso, dass in den neuen Studiengängen alle Praxisstudien vonseiten der Universität vorbereitet, begleitet und ausgewertet werden.

Vor welchen Aufgaben steht hier das Zentrum für Lehrerbildung?

Das Praktikumsbüro für den Bachelor am Zentrum für Lehrerbildung (ZfL) organisiert pro Jahr für 750 Studierende das Integrierte Eingangspraktikum Primarstufe beziehungsweise das Orientierungspraktikum, das heißt, das erste Praktikum im Studienverlauf. Danach finden für diese Studierenden in den Schulen die fachdidaktischen Tagespraktika, betreut durch die Fachdidaktiken, statt. Die inklusionspädagogischen Lehrveranstaltungen  sind mit dem Praktikum in pädagogisch-psychologischen Handlungsfeldern verbunden. Das betrifft jährlich  rund 500 Studierende. Das Praktikumsbüro für den Master organisiert pro Jahr für ca. 420  Studierende das Psychodiagnostische Praktikum und für 400 bis 420 Studierende das 16- wöchige Schulpraktikum, einschließlich der vorbereitenden, begleitenden und nachbereitenden Seminare. Das ist eine riesige Koordinierungsleistung und erfordert großes Einfühlungs- und Kommunikationsvermögen mit den Schulen. 

Eine besondere Herausforderung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ZfL ...

Sie benötigen Managementfähigkeiten, auch wenn es um die Koordination der Lehrveranstaltungen zu den Schlüsselkompetenzen – die Angebote kommen aus allen Fakultäten – und die Abstimmungen zu den neuen Masterstudiengängen geht. Mit einer großen Erwartungshaltung werden auch die fünf neuen Professorinnen und Professoren für die Inklusionspädagogik konfrontiert. Sie haben die Aufgabe, einen völlig neuen Studiengang für das Lehramt für die Primarstufe mit dem Schwerpunkt Inklusionspädagogik zu gestalten und ein abgestimmtes Curriculum für alle Studierenden der Primarstufe zu entwickeln und umzusetzen. Nicht zuletzt wird erwartet, gleichzeitig Forschungen zu diesem Themenfeld zu starten und die Zusammenarbeit mit den Fachdidaktiken – Inklusion findet insbesondere im Unterricht statt – zu fördern.

Wie wird sich das ZfL in Zukunft verändern? Können Sie schon etwas zur Etablierung einer „School of Education“ sagen?

Bisher besaß das Zentrum für Lehrerbildung eine koordinierende Funktion. Nur in einigen Bereichen, wie der Qualitätssicherung, Evaluierung und mit einigen konzeptionellen  Arbeiten, ist es eher eine „Entwicklungsagentur“ mit empfehlenden Kompetenzen. Mit der Konzeption für die neuen Studiengänge, der Aufgabe, den Reformprozess nicht nur zu begleiten, sondern in einigen Bereichen zu leiten, ist das Zentrum aus dem bisherigen  Aufgabenfeld herausgewachsen. Die halbherzige Umsetzung des Lemmermöhle-Gutachtens zur Lehrerbildung von 2008, eine Querstruktur mit Entscheidungs-, Steuerungs-  und Ressourcenkompetenz zu installieren, erzeugte und verschärfte Interessenkonflikte auf  allen Ebenen. Es wurden Chancen vergeben, Konflikte zielführend zu lösen. Hoch engagierte   Hochschullehrer waren verärgert über Zeitverlust und kräftezehrende Auseinandersetzungen. Die neue Querstruktur wird die Verantwortung für die Lehrerbildung stärken. Ihre Aufgabe  wird es sein, die Lehrerbildung in den Fokus der Aufmerksamkeit der Fakultäten und der  gesamten Universität zu rücken. Die Diskussion zu dieser Querstruktur hat erst begonnen,  wird aber zügig geführt werden. Ich denke, in den nächsten Wochen wird noch viel passieren.

Artikel: Nicht Beeinträchtigung, sondern Vielfalt

Wissenschaftler der Universität Potsdam begleiten „Inklusion – Schule für alle“

Brandenburg ist auf dem Weg zu einer Schule für alle, einer inklusiven Schullandschaft, in der sich jede Schülerin und jeder Schüler mit seinen Stärken und Schwächen entfalten und auch wohlfühlen kann. Mit diesem Ziel vor den Augen werden ab dem Wintersemester 2013/2014 erstmals alle Lehramtsstudierenden an der Universität Potsdam mit inklusionspädagogischen Inhalten während ihres Studiums vertraut gemacht. Und natürlich wird das Vorhaben von Wissenschaftlern der Hochschule inhaltlich vorbereitet und begleitet. Gerade ist an der Humanwissenschaftlichen Fakultät das Projekt „Heterogenität und Inklusion“ gestartet.

Wenn in Brandenburg derzeit heiß über inklusive Bildung und den gemeinsamen Unterricht aller Kinder an allgemeinen Schulen diskutiert wird, so ist das keine „Privatangelegenheit“ und lässt sich auch nicht als Mainstream abtun. Die Agenda für Bildungsgerechtigkeit beschreibt seit nunmehr fast zehn Jahren die inklusive Schule und die gemeinsame Unterrichtung sämtlicher Kinder als zentrales Ziel aller in der Europäischen Union organisierten Länder. Betrachtet man allerdings den aktuellen Stand der inklusiven Bildung in Europa, so präsentiert er sich sehr unterschiedlich. In Mittel- und Osteuropa gibt es einen nicht zu unterschätzenden Nachholbedarf. In Deutschland, Belgien, Lettland oder den Niederlanden werden Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf oft noch in gesonderten Bildungseinrichtungen unterrichtet. Das soll sich ändern.

Bekanntermaßen ist die Universität Potsdam die einzige Hochschule des Landes, die Lehrer ausbildet. Damit kommt auf sie eine große Verantwortung bei der Umsetzung des Zieles „Inklusion – Schule für alle“ zu. Derzeit wird der Schwerpunkt in die gesamte Lehr-amtsausbildung integriert. Inklusion erfordert den Umgang mit heterogenen Gruppen, deren Mitglieder durch viele Faktoren gekennzeichnet sind: nicht nur durch Alter, Geschlecht, den sozialen und ethnischen Hintergrund, sondern eben auch durch unterschiedliche Lernausgangslagen. Ausgehend von der Tatsache, dass es an der Humanwissenschaftlichen Fakultät bereits verschiedene Bereiche gibt, die sich mit Heterogenität auseinandersetzen, wird ein Forschungsschwerpunkt aufgebaut, der die vorhandenen Expertisen vernetzen soll. Barbara Höhle, Professorin für Psycholinguistik mit dem Schwerpunkt Spracherwerb, leitet das Projekt „Heterogenität und Inklusion“. „In meiner Forschung zum Spracherwerb und Spracherwerbsstörungen beschäftigt mich das Phänomen der Unterschiede zwischen einzelnen Kindern schon seit Langem, da wir verschiedene Entwicklungsverläufe und zum Teil sehr unterschiedliche Störungsbilder sehen“, sagt sie.

Die neue Qualität des Forschungsansatzes besteht in der Verknüpfung von Grundlagenwissenschaften mit Perspektiven in der Bildung. Dabei geht es nicht nur um Schule. Auch Vorschulzeit und Arbeitswelt seien einzubeziehen. Der Fokus der Wissenschaftlerin Barbara Höhle richtet sich auf die kognitiven Grundlagen. Ihre Frage, warum Kinder unterschiedlich im Hinblick auf ihr sprachliches Lernen sind, bildet einen der Anknüpfungspunkte für die Forschung am neuen Projekt. „Wir streben eine Vernetzung von grundlagenwissenschaftlichen Ansätzen aus der Kognitionswissenschaft, der Gesundheitswissenschaft und der Bildungsforschung an, um besser zu verstehen, warum es individuelle Unterschiede, Stärken und Schwächen gibt und wie man Fähigkeiten gezielt fördern kann.“ Es steht nicht länger die Behinderung im Vordergrund der wissenschaftlichen Arbeit, vielmehr soll es um den Aspekt der Vielfalt gehen. Daraus ergibt sich für die Forscher auch die Frage des Zusammenhangs zwischen verschiedenen Leistungen.

Noch steht das Forschungsprojekt am Anfang, in etwa eineinhalb Jahren soll ein größerer Antrag gestellt werden. Derzeit arbeiten die Kollegen an der Infrastruktur, werden innerhalb und außerhalb der Universität die Kompetenzen zusammengeführt.

Von Dr. Barbara Eckardt  

Erschienen in der Zeitschrift  Portal 3/2013 – Das Potsdamer Universitätsmagazin

 

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