Vielfalt als Bereicherung – kein Kind zurücklassen

Zum Thema „Inklusive Schule“ gibt es ein immenses Bedürfnis nach Austausch, das zeigen die bisherigen Regionalkonferenzen und die öffentliche Diskussion – wir brauchen diese Debatte. Den Weg zu einer inklusiven Schule gibt nicht allein das Ministerium vor – und es sind auch nicht die Schulen, die ihn alleine gehen. Dafür brauchen wir die ganze Gesellschaft, dafür brauchen wir Sie!

Der Ausbau des gemeinsamen Unterrichts, die Entwicklung inklusiver Schulqualität und individuelle Förderung für alle Schülerinnen und Schüler – welche Rolle spielt dabei die UN-Behindertenrechtskonvention?

Die Behindertenrechtskonvention ist das erste universelle Rechtsdokument, das die Menschenrechte für Menschen mit Behinderung konkretisiert und stärkt. Sie garantiert ihnen dieselben bürgerlichen und politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte wie Menschen ohne Behinderung.

Für die schulische Bildung begründet die UN-Behindertenrechtskonvention in Artikel 24 eine staatliche Verpflichtung zur Inklusion. Im Artikel 27 der Konvention werden die Ziele der inklusiven Bildung formuliert. Es geht darum, ich zitiere,

„Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen und Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen … Menschen mit Behinderungen dürfen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und Kinder mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden.“

 Damit hat die UN-Konvention die Rechte für Behinderte verbindlich festgelegt. Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde von Bundestag und Bundesrat im Dezember 2008, von der Bundesregierung Anfang 2009 ratifiziert. Damit ist die Konvention geltendes Völker- und Bundesrecht, also für Bund, Länder und Kommunen verbindlich. Auch deshalb haben wir die inklusive Bildung Ende 2009 im Koalitionsvertrag der Brandenburger Landesregierung verankert. Es geht nicht um einen Brandenburger Sonderweg – alle Bundesländer haben sich auf diesen Weg gemacht. Auch die KMK hat zum Thema Inklusion ein eigenes Positionspapier erarbeitet.

Aber: Die inklusive Schule ist weit mehr als eine juristische Notwendigkeit. Es gibt aus meiner Sicht drei entscheidende Gründe für den Weg zur inklusiven Schule – dabei geht es um soziale, pädagogische und demographische Aspekte:

1. Vielfalt als Bereicherung erleben!
Inklusion bedeutet: Wir erkennen an, dass Menschen unterschiedlich sind, dass sie unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse haben. Wir heißen jeden Einzelnen willkommen, jeder darf mitgestalten und mitbestimmen. Inklusion bedeutet: Es ist normal verschieden zu sein. Inklusion ist Wertschätzung der Vielfalt.

Unsere Kinder werden in einer Welt leben, die viel ausdifferenzierter und vielfältiger sein wird, als wir uns das heute vorstellen können. Dafür brauchen wir ein gleichwertiges Miteinander und umfassende Teilhabe aller in allen Strukturen der Gesellschaft.

Eine Schule mit einem inklusiven Schulklima bietet allen Schülerinnen und Schülern Chancen zu individuellen Bestleistungen – nicht nur den Kindern mit Behinderungen, sondern auch den Hochbegabten. Denn die inklusive Schule ermöglicht die Individualität und Vielfalt der Lernwege. Die inklusive Schule ermöglicht Erfahrungen von Verschiedenartigkeit und Gemeinsamkeit, entwickelt Wertschätzung und Kompetenzen im Miteinander-Aushandeln von Zielen und stärkt die Mitwirkung von allen. Deshalb ist sie eine Schule der Demokratie und damit ein Zukunftspotential für unsere Gesellschaft.

2. Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit schaffen!
Der zweite Grund für den Weg zur Inklusion ist bildungspolitisch und pädagogisch von großer Bedeutung. Eine Grundvoraussetzung der Bildungspolitik des Landes Brandenburg ist es, Chancengerechtigkeit für möglichst alle Kinder und Jugendlichen herzustellen.

Inklusion bedeutet Chancengerechtigkeit und Teilhabe von allen Kindern und Jugendlichen.

Deutschland ist beim Thema gemeinsames Lernen im europäischen Vergleich nicht gut aufgestellt. Kaum ein anderes Land verteilt seine Kinder und Jugendliche derart umfassend auf separate Förderschulen mit besonderen Schwerpunkten.

Weniger als 20 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen im gemeinsamen Unterricht – in Brandenburg sind wir mit rund 39 Prozent schon ziemlich weit. Ausreißer ist hier die Gruppe der Lernschwachen: nur 24 Prozent von ihnen lernen im gemeinsamen Unterricht.

Gerade die Schülerinnen und Schüler mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf ‘Lernen‘ sind in der Regel Kinder und Jugendliche aus Elternhäusern, die besondere Unterstützung benötigen. Und sie sind es auch, die beim Besuch der Förderschule in der Regel keinen anerkannten Schulabschluss erwerben können. Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass derzeit 10,1 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Brandenburg die Schule ohne einen bundesweit anerkannten Schulabschluss verlassen.

Ich möchte, dass jedes Kind in einer Gesellschaft aufwächst, in der es sich von Anfang an dazugehörig fühlt und keine schulische Ausgrenzung erfahren muss.

3. Kein Kind zurücklassen!
Der dritte Grund für die Inklusion ist die demografische Entwicklung im Land. Gerade weil wir immer weniger Kinder und Jugendliche haben, können wir es uns noch weniger leisten, auch nur ein Kind zurückzulassen. Wir wollen jedem Kind die Förderung geben, die es braucht, um einen anerkannten Schulabschluss zu erreichen als Voraussetzung für die berufliche Ausbildung. Das muss uns auch deshalb gelingen, weil wir den hohen Fachkräftebedarf decken wollen, der in Brandenburg durch den demografischen Wandel zu erwarten ist.

Zudem gibt es auch – wie eingangs erwähnt – zwingende rechtliche Gründe für die Inklusion.

Die inklusive Schule ist seit 2009 geltendes Recht in der Bundesrepublik und auch im Land Brandenburg. Der Zugang zu einem inklusiven und hochwertigen Unterricht ist für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen verbindlicher Rechtsanspruch.

Ich bin überzeugt: Inklusive Bildung wird das beherrschende Thema in der Bildungspolitik der kommenden Jahre und Jahrzehnte sein und ist ein zentrales Zukunftsthema für unser Land. Ich bin mir sicher, dass das Thema Inklusion das System Schule mindestens so verändern wird wie die Schülerleistungsstudie PISA. Bei der Umsetzung von Inklusion geht es nicht nur um die Veränderung einzelner Rahmenbedingungen – es geht vielmehr um einen Bewusstseinswandel. Eine Voraussetzung ist dabei entscheidend: Inklusion gelingt nur, wenn sie von vielen gewollt ist.

Mein Ziel: Ich möchte, dass wir gemeinsam in den nächsten zehn Jahren bei der Zahl inklusiver Grundschulen, Oberschulen, Gesamtschulen und Gymnasien einen deutlichen Entwicklungssprung erreichen. Im Jahr 2019 soll kein Kind mehr wegen eines besonderen Förderbedarfs im Lernen, in der sprachlichen Entwicklung oder im Verhalten seine Schule verlassen müssen.

Erste Weichen sind schon gestellt:

In Brandenburg fangen wir auf dem Weg zur Inklusion, zu einer „Schule für alle“ nicht bei Null an. Ganz im Gegenteil: In Brandenburg sind wichtige Weichen schon gestellt: Inklusion ist die Weiterführung integrativer Bildung, die wir in Brandenburg schon lange umsetzen.

1. Anders als in anderen Ländern haben wir bereits seit Gründung des Landes Brandenburg mit dem ersten Schulreformgesetz vom 28. Mai 1991 eine schulgesetzliche Regelung, wonach der gemeinsame Unterricht von Behinderten und nicht Behinderten – abhängig von den Voraussetzungen vor Ort – prinzipiell Vorrang hat.

2. Die flexible Eingangsphase (seit 2004), individuelle Lernstandsanalysen für alle Grundschüler (seit 2005) und die förderdiagnostische Lernbeobachtung (seit 2007) bilden ein gutes Fundament für die inklusive Schule.

3. Auch personell sind wir bereits gut aufgestellt: Derzeit arbeiten 427 Sonderpädagogen an den 417 öffentlichen Grundschulen und gehen flexibel vor Ort auf die Förderbedürfnisse von Kindern ein.

Die Umsetzung von Inklusion erfordert weitere Schritte: Veränderungen der Klassenbildung, der Lehrerbildung, der Rahmenlehrpläne. Inklusion erfordert eine andere Kultur des Unterrichts – das heißt individualisierten Unterricht und Teamarbeit von Lehrern und Sonderpädagogen.

Das führt zu einer Reihe von Konsequenzen:

1. Wir werden die bestehenden rechtlichen Regelungen im Schulgesetz, den Ausbildungs- und Prüfungsordnungen sowie den dazugehörigen Verwaltungsvorschriften im Sinn der Inklusion weiterentwickeln – dazu gehören unter anderem die Stärkung des gemeinsamen Unterrichts, die Überprüfung von Rahmenlehrplänen und die Abschaffung des Rahmenlehrplans Lernen.

2. Für vieles, was wir auf dem Weg der Inklusion vorhaben, brauchen wir Ressourcen. Die Klärung der Ressourcen ist ein grundlegender Bestandteil des Konzepts. Ich möchte eines klarstellen: Inklusion ist kein Sparprojekt – aber zur Umsetzung dieses Zieles gilt es auch, Ressourcen zu bündeln, Prioritäten zu setzen und umzuschichten. Wir werden die personellen, sächlichen und räumlichen Voraussetzungen inklusiver Schulen klären, beispielsweise die Sicherung von sonderpädagogischer Kompetenz in der allgemeinen Schule oder die Schaffung von Barrierefreiheit. Dabei sind die Schulträger und die staatlichen Schulämter wichtige Partner.

3. Wir werden die inklusiven Kompetenzen der Schulleitungen sowie der Lehrerinnen und Lehrer stärken. Dabei geht es um die Verbesserung von individuellem und zieldifferenziertem Unterricht, um fächerübergreifendes und jahrgangsübergreifendes Lernen, um Kooperation auf allen Ebenen und mit allen Beteiligten, um Fragen der Schulorganisation sowie um Bildungsberatung für Schüler und Eltern.

4. Wir werden die Lehrerbildung reformieren. Jeder Lehrer sollte künftig eine inklusionspädagogische Grundausbildung haben, für sonderpädagogische Spezialbedarfe müssen berufsbegleitende Angebote geschaffen werden. Die Förderschullehrkräfte mit ihren Erfahrungen werden den Lehrern in den allgemeinen Schulen wichtige Unterstützung geben.

5. Wir werden das Förderausschussverfahren – dessen Ergebnisse sich in den einzelnen Schulamtsbezirken z.T. erheblich unterscheiden – vereinheitlichen und zentral steuern.

6. Wir werden überprüfen, welche Auswirkungen die Umsetzung von Inklusion auf das Schulnetz hat und wir werden gemeinsam mit den Schulträgern schauen, wie Schulen auf dem Weg zur Inklusion weiter unterstützt werden können. Eines ist klar: Inklusion lässt sich nicht binnen kurzer Zeit umsetzen, sondern ist ein langfristiger Prozess – übrigens nicht nur bis 2019, sondern weit darüber hinaus.

Was sind die nächsten Schritte?

Nach Abschluss der Regionalkonferenzen werden wir einen Maßnahmenplan zur Inklusion erarbeiten. Dort werden auch die Erfahrungen aus den Regionalkonferenzen hineinfließen.

Da wir auch künftig die Mitarbeit und die Expertise aller Partner benötigen, werden wir einen Runden Tisch zum Thema Inklusion einrichten, um alle Aspekte der Inklusion mit möglichst vielen Beteiligten zu diskutieren und die verschiedenen Akteure an der Entwicklung des Gesamtkonzepts Inklusion zu beteiligen. Zudem werden wir einen Beirat aus Wissenschaftlern und Praktikern bilden, um für alle Handlungsfelder gemeinsam Lösungsvorschläge zu entwickeln.

Einer der ersten Schritte wird der weitere Ausbau des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung sein, insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit den Förderbedarfen ‘Lernen‘, ‘emotionale und soziale Entwicklung‘ oder ‘Sprache‘. Dabei können wir uns auf positive Erfahrungen einzelner Schulen stützen. So haben sich zum Beispiel im Schulamtsbereich Brandenburg an der Havel bereits zwei Dutzend Schulen auf den Inklusionsweg gemacht – weitere in anderen Schulamtsbereichen werden im kommenden Schuljahr folgen.

Um die Lehrkräfte bei diesem Prozess zu unterstützen, wird es ab dem kommenden Schuljahr gezielte Inklusions-Fortbildungsangebote für Schulleitungen sowie für Lehrerinnen und Lehrer an Grund- und weiterführenden Schulen geben.

Zudem arbeiten wir bereits an den rechtlichen Weichenstellungen, um die nötigen schulgesetzlichen Änderungen bis zum Sommer 2013 umsetzen zu können. Ziel ist es, die schulrechtlichen Einschränkungen aufzuheben, um so Elternwünsche für einen wohnortnahen gemeinsamen Unterricht ihrer Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf erfüllen zu können.

Alle Grundschulen sollen künftig bereit und in der Lage sein, möglichst jedes Kind mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkt ‘Lernen‘, ‘emotionale und soziale Entwicklung‘ oder ‘Sprache‘ aus dem Wohnumfeld der Schule aufzunehmen und angemessen zu fördern. Das ist einerseits ein ambitioniertes Ziel, andererseits ist das schon heute für viele Grundschulen als Herausforderung im Schulalltag nicht neu.

Wir werden diese Schritte behutsam gehen und wir werden sie gemeinsam gehen. Langfristig werden wir auch den gemeinsamen Unterricht für Schülerinnen und Schüler mit körperlichen, geistigen und Sinnes-Behinderungen ausbauen. Ich weiß, dass auch hier Lehrerinnen und Lehrer sowie Schulleitungen bereits für einzelne Kinder und Jugendliche gute Möglichkeiten in Grundschulen und weiterführenden Schulen geschaffen haben. Die entsprechenden Förderschulen werden wir aber in den nächsten Jahren noch brauchen.

Was mir wichtig ist: Der Weg zur Inklusion ist keine Kritik an der Leistung unserer Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen. Ich weiß aus eigener Anschauung und aus vielen Berichten, dass sich viele von ihnen sehr engagieren und hervorragend arbeiten. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken. Wir werden die Pädagogen an den Förderschulen auf dem Weg zur Inklusion mitnehmen, denn ihre Kompetenzen sind unverzichtbar auf diesem Weg. Ich gehe davon aus, dass es für Förderschulen künftig verschiedene Möglichkeiten der Weiterentwicklung gibt: Förderschulen können in den allgemeinen Schulen aufgehen – oder sie öffnen sich für alle Schülerinnen und Schüler. Auch Förderklassen in den allgemeinen Schulen können ein wichtiger Zwischenschritt auf diesem Weg sein – dafür gibt es bereits gute Beispiele, etwa in Birkenwerder. Ein weiteres Modell könnte auch die temporäre Beschulung von Schülerinnen und Schülern mit speziellen Förderbedarfen an besonderen Standorten sein.

Die öffentliche Diskussion im Land zeigt, dass es auch Ängste, Zweifel, Vorbehalte gibt. Wir dürfen vor den Problemen nicht die Augen verschließen. Es gibt noch viele Fragen, die wir gemeinsam beantworten müssen. Wichtig ist: Inklusion ist ein gemeinschaftlicher Prozess, der alle Akteure einbezieht. Dieser Prozess soll Mut machen, neue Wege zu gehen.

Auf dem Weg zur Inklusion brauchen wir Sie alle: Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen, Erzieherinnen und Erzieher, Sozial- und Jugendhilfeträger, Behindertenverbände, Schüler und Elternvertreter, Mitarbeiter von Sozial- und Jugendämtern, Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft, die Schulämter und nicht zuletzt die Schulträger.

Ein geflügeltes Wort sagt: Jedes Ziel beginnt mit dem ersten Schritt. Lassen Sie uns diesen ersten Schritt gemeinsam gehen. Ich freue mich auf die heutige Diskussion über das Thema Inklusion und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und wünsche dieser Regionalkonferenz viel Erfolg, fruchtbare Diskussionen und ein gutes Miteinander auf dem Weg zur inklusiven Schule in unserem Land.

Nach den Regionalkonferenzen werden wir den Maßnahmenplan zügig erarbeiten und die nächsten Schritte fixieren. Die sechs Regionalkonferenzen prägen diese Arbeit entscheidend mit. Lassen Sie uns gemeinsam das Konzept einer Schule diskutieren, die kein Kind zurücklässt und allen gleichen Bildungschancen eröffnet. Ich bin gespannt auf Ihre Ideen, Ihre Anregungen, Ihre Bedenken und Lösungsvorschläge.

Die ehemalige Bildungsministerin Dr. Martina Münch auf den Regionalkonferenzen „Inklusive Bildung im Land Brandenburg“ im Mai/Juni 2011