Gemeinsames Lernen ist Teilmenge der Inklusion

Bildungsminister Günter Baaske am 17.12.2015 im Brandenburger Landtag.
Auszüge aus seinem Redebeitrag zum Antrag der Koalitionsfraktionen von SPD und Linke "Inklusion im Bildungssystem Brandenburg weiter kontinuierlich vorantreiben". Der Antrag wurde angenommen, der Entschließungsantrag von Bündnis90/Grüne "Endlich konkrete Schritte für mehr Inklusion" wurde dagegen abgelehnt.

Inklusion ist für mich, dass Menschen – egal welcher Behinderung, egal welcher Farbe, egal welcher Kenntnisse und Fähigkeiten – in dieser Gesellschaft eben nicht behindert werden. Und das betrifft alle Bereiche, die diese Menschen irgendwie tangieren könnten. Das trifft die Baulichkeiten, das trifft Arbeitsplätze,das trifft gesundheitliche Behandlung,das trifft alles, was das menschliche Leben ausmacht, in all‘ seinen Facetten, Ernährung und alles, was dazu gehört. Das ist für mich Inklusion.

Aber wenn ich über Inklusion in der Schule rede, dann rede ich über gemeinsames Lernen (von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung). Natürlich ist gemeinsames Lernen in der Schule Inklusion, aber Inklusion ist eben mehr als nur gemeinsames Lernen.

Inklusion kann sein, dass diese Kinder – die hoch begabten, die weniger begabten, die behinderten Kinder - dass die in einer Klasse an einem Schulstandort sind. Das kann aber genauso gut  sein, dass sie an unterschiedlichen Standorten sind.

Wir müssen darauf achten, dass nicht von vornherein aussortiert wird, sondern dass für die Kinder, die benachteiligt sind, bessere Bedingungen geschaffen werden, als für die Kinder, die nicht die Benachteiligung haben. So dass sie von vornherein gleiche Chancen haben am Ende des Tages. Das gemeinsame Lernen ist nichts anderes als eine Teilmenge der Inklusion, wie das gemeinsame Wohnen, das gemeinsame Essen und und und …

In Brandenburg steht das gemeinsame Lernen als verpflichtende Möglichkeit der Schulen seit über 20 Jahren im Schulgesetz. Als die UN-Behindertenrechts- konvention verabschiedet wurde, waren deshalb in Brandenburg auch schon mehr Kinder im gemeinsamen Lernen, als heute bundesweit im Schnitt im gemeinsamen Lernen sind. Wir sind inzwischen heute bei 45 Prozentder Kinder, die mit einer Behinderung in diesem Lande leben, die im gemeinsamen Lernen sind.Der Bundesdurchschnitt ist bei 25 Prozent. Als ich angefangen habe in diesem  Ministerium zu arbeiten, waren wir bei 43 Prozent, jetzt sind wir bei 45 Prozent. Das heißt also, auch in diesem Jahr sind wieder mehr Kinder ins gemeinsame Lernen gekommen.

Die Eltern stimmen mit den Füßen ab, ob ich Modellprojektschulen habe oder nicht. Die Eltern haben ein Recht darauf – und das wissen sie – dass sie ihre Kinder ins gemeinsame Lernen geben können. Und sie tun es.Sie tun es in Brandenburg, weil sie wissen, dass das System gut ist und weil es funktioniert.Es spricht sich rum, dass ihre Kinder besser gefördert werden.Sie sehen, dass andere  Kinder, die vorher in der Förderschulen waren, es im gemeinsamen Unterricht besser schaffen, dass sie Abschlüsse kriegen. Die Presse nennt Beispiele, wo auch behinderte Kinder mit einer geistiger Behinderung einen Abschluss geschafft haben, dass sie jetzt eine Ausbildungsstelle haben. Das geht alles, wenn man das will. Und die Lehrerinnen und Lehrer wollen das, die Schulen wollen das und darum kriegt man das auch hin. 

Seit heute ist das Papier auf dem Tisch (Abschlussbericht zur Begleitforschung des Pilotprojekts „Inklusive Grundschule – Inklusives Lernen und Lehren im Land Brandenburg). Jetzt werden wir in Ruhe mit dem Runden Tisch (Inklusive Bildung) darüber diskutieren.  Natürlich haben wir Ideen, natürlich haben wir Vorstellungen. Nur ich finde es fair und richtig, dass wir das am Runden Tisch diskutieren, was wir vorhaben und was wir machen wollen. 

Ich wünschte mir auch, wir könnten noch mehr kleine Klassen machen. Und glauben Sie mir, die Kolleginnen und Kollegen – und wir haben viel mehr Kollegen als manch‘ andere Bundesländer in unseren Klassenzimmern –  die sind nicht heute Abend bei mir zu Hause und schmücken den Weihnachtsbaum, sondern die Kolleginnen und Kollegen sind im Unterricht.

Aber wir sind eben sehr weit bei FLEX (flexible Eingangsphase am Beginn der Grundschule), wir sind eben sehr weit auch beim gemeinsamen Unterricht und wir haben eben mehrGanztagsschulen als andere Länder. Das heißt eben aber auch, wenn ich da kleinere Klassen haben will – übrigens bei einem Drittel über 23 (Schülerinnen und Schüler in einer Klasse) sind auch zwei Drittel unter 23. Ich finde, wir sind gut ausgestattet in den Schulen. Es heißt keinesfalls, wenn in einer Schulklasse 25 oder 26 Kinder sind, dass sie dann deswegen  schlechter ausgestattet sind. Dann ist eben eine höhere Zuweisung da, in Form von Sonderpädagogen oder anderen Stellen, das wird natürlich gewährleistet. Dass man dann eben auch Teilungsunterricht anders machen kann, wenn man solche Schulen hat.

Das Konzept (zur weiteren Entwicklung der inklusiven Schule in Brandenburg) wird sehr konkret sein. Und es wird nicht nur Zahlen und Möglichkeiten enthalten.Wir müssen uns auch darüber unterhalten – wie kriegen wir’s denn hin?Wo kriegen wir noch Sonderpädagogen her?Jetzt einfach zu sagen, wir haben im nächsten Jahr alle Schulen im PING-System (Pilotprojekt „Inklusive Grundschule“) oder in den Modellprojekten, können sie vergessen. Wir suchen jetzt schon bundesweit händeringendSonderpädagogen, bundesweit. Obwohl wir welche ausbilden. Wir werden die nicht alle kriegen.Auch da muss man sich über neue Konzepte pädagogischer Art Gedanken machen. Und das schüttelt niemand aus dem Ärmel, das kann niemand sofort für alle Schulen machen.

Das heißt also, ich muss dann ein System haben mit mehr Kolleginnen und mehr Kollegen und insbesondere mit Sonderpädagogen oder anderweitig eingesetzten Pädagogen. Und die werden wir – selbst wenn wir das Geld sofort hätten – die werden wir nicht sofort aus dem Ärmel schütteln können, sondern die werden wir erst qualifizieren müssen und das wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.


rbb-Mediathek vom 17.12.2015
> Inklusion im Bildungssystem weiter vorantreiben